Stellungnahme des Frappant e.v. zum Einzug in das Frappantgebäude
‚Die Künstler‘. Das sind wir. Das ist der Name, der uns von Vermietern, Verwaltern, städtischen Organisationen und der Presse gegeben worden ist. Fast vier Jahre haben wir, die Künstler, in einer recht beständigen Konstellation von ca. 45 Leuten, organisiert in 8 Einheiten, im „Forum Altona“ geschafft, gewirkt, gearbeitet, ausgestellt, veranstaltet und indirekte Stadtteilpolitik betrieben (Große Bergstr. 152 - 162).
Die verschiedenen Einheiten: Blinzelbar, Studio Total, Raum für fünf, Space Departement, Atelier Yuri Solovei und die Maler waren die Räume von Freischaffenden, Berufsstartern und Studenten aus den Bereichen Architektur, Freie Kunst, Illustration, Fotografie, Grafikdesign, Mode- und Kostümdesign, Stadtplanung und Musik.
Die leerstehende Einkaufspassage wurde uns für unsere Zwecke als Zwischennutzung zu einem geringen Mietpreis angeboten, bis der neue Eigentümer zu Beginn diesen Jahres die endgültigen Pläne für die Um- strukturierung des Gebäudes vorlegte und finanziell bewilligt und bezuschusst bekam. Die alte „Passage“ sollte ab dem 1. April 09 in eine moderne Verkaufsfläche für Supermarktketten und andere Geschäfte verwandelt werden, die kleinen Wohneinheiten in den oberen Stockwerken sollen zu 150qm2-Loftwohnungen umgebaut und in die erste Etage kommen Kanzleien, Arztpraxen und eben: die Kulturetage. Die Kulturetage, hiess es, sei eigens für uns geplant und soll mit Haushaltsgeldern von über 1 Million € gefördert werden.

Das klingt alles wunderbar. Seltsamerweise geht die gesamte Idee an der Realität vorbei. Von sozialem Wohnen in den oberen Stockwerken kann nach der Sanierung keine Rede mehr sein. Den dortigen Anwohnern wurden Prämien angeboten, damit sie freiwillig aus ihren Wohnungen ausziehen und sie werden in stadtkernferne Viertel verdrängt. Die an- sässigen Ladenbesitzer bangen um ihre Existenz bei größerer Ketten- konkurrenz und die Kulturetage ist eine einzige Farce. Zum Vorzugspreis von 6,70 € pro Quadratmeter könnten wir dort Ateliers mieten. Nicht ein einziger von uns wäre dazu finanziell in der Lage. Die freien Künstler müssten ihre Objekte und Installationen ohne Sägen, Lacke und laute Maschinen bauen, aus Rücksicht auf die Warte- zimmer. Die Musiker könnten nicht proben und Veranstaltungen und Ausstellungen wären auf Grund mangelnder Flucht- wege leider nicht mehr möglich. Auch eine Präsenz nach aussen ist ohne Schaufenster im Erdgeschoss nicht mehr zu haben. Und, ach so, wo wir die 1 ½ Jahre während des Umbaus verbleiben, dafür hat auch niemand eine Idee. Wären wir auf das Angebot der Kulturetage eingegangen, wären wir genau jetzt in alle Windrichtungen verstreut und arbeitsraumlos.

Wir, das sind jetzt über 100 Leute, und wir haben Pläne.
Schon jetzt resultieren aus den Disziplinen, in denen wir arbeiten, wunderschöne Projekte und Gemeinschaftsarbeiten. Als nächstes steht die visuelle Gestaltung des Gebäudes auf dem Plan. Flaggen an die alten Masten, grossflächige Bilder auf die grauen Fassaden. Dieses Gebäude bremst nicht, es beflügelt. Die Kulturetage war für uns gedacht, wir haben uns gleich drei gemacht. Die eine Million € war für uns gedacht, hätten wir die in der Hand, würde innerhalb kürzester Zeit ein Kulturzentrum entstehen, wie es Hamburg noch nicht gesehen hat. Die siebte Etage eignet sich hervorragend als Ausstellungsfläche, in die 8. könnten wieder Musiker und Tonstudios einziehen und in der ausgeräumten Kantine im 9. Stock ist Proberaumplatz für Theater- und Performance-Künstler. Die große Halle hinter den Schaufenstern im Erdgeschoss könnte als Marktfläche und Ausstellungs- raum dienen. Ein Kinderkino, Vereine und Initiativen aus der Umgebung sollten hier ihren Raum bekommen, in eins der oberen Stockwerke könnte das in Altona geplante Pflegeheim für Obdachlose einziehen. Auf dem Parkdeck haben wir bereits Blümchen gepflanzt, Theater- und Filmveranstaltungen sind hier geplant, möglich wäre hier auch ein Skaterpool.
Und nun eine andere Vision: Machen wir das Gebäude dem Erdboden gleich (12 Monate Bagger und Bauschutt für die Anwohner) und setzen einen klassischen Ikea-Klotz an dessen Stelle. Den großen Platz in der Mitte der Großen Bergstraße, wo momentan der Wochenmarkt stattfindet, stellen wir uns als Parkfläche für die durchschnittlichen 5000 Autos vor (geschätzt von Ikea selbst), die täglich das Möbelhaus anfahren, über einen Zuweg, der erst noch gebaut werden muss. Die jungen Eltern mit Kindern, die jetzt durch die Fußgängerzone flanieren und den Eisläden den Sommerumsatz bescheren, werden von den Abgasen verdrängt, die kleinen Eisläden selbst und der gesamte Einzelhandel vor Ort wird von rasant steigenden Gewerbemieten vertrieben und die Anwohner werden die Möglichkeit verlieren, ihre täglichen Einkäufe weiterhin kostengünstig zu tätigen. Es geht also um die Frage, ob ein Stadtteil umgekrempelt werden soll, oder aber ob er gestärkt werden sollte. Es heisst, Ikea wäre die Lösung für den Stadtteil. Wer aber ist der Stadtteil?
Tatsächlich wird dort abstrakt geplant, was wir bereits praktisch umgesetzt haben. Viel Lob erntet der neue Verein dafür. Und, wenn alles glatt läuft, eine Million Euro Subventionen. Wenn alles glatt läuft…. Vom Umbau des Gebäudes ist bislang nichts zu sehen. Warum stehen die Ateliers, aus denen wir so vehement vertrieben wurden, jetzt einfach leer? Warum werden sie mittlerweile wieder mit einwöchigen Laufverträgen an neue Zwischennutzer vermietet? Könnte es sein, dass der momentane Eigentümer wieder nach einem neuen Interessenten für das Forumgebäude sucht, weil er sich finanziell übernommen hat und die meisten Bewohner doch nicht so leicht zu vertreiben sind? Wir beobachten den Verlauf gespannt. In diesem Viertel wird es einem nicht langweilig.